Die Grenzen der Wissenschaft und die Kompetenz für Sinnfragen

Auch Naturwissenschaft bewegt sich innerhalb selbst gesteckter Grenzen. Für die Grundfragen des Lebens ist sie nicht zuständig. Dafür müssten eigene Kompetenzen entwickelt werden.

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der englische Physiker Lord Kelvin davon überzeugt, dass es sich nicht mehr lohne Physik zu studieren, denn nun ginge es nur mehr um die Präzisierung der letzten Kommastellen. Die Physik sei abgeschlossen, etwas Neues wäre nicht mehr zu erwarten. Heute wissen wir, dass die Physik im 20. Jahrhundert erst so richtig spannend geworden ist. Ein Lehrbeispiel dafür, dass auch Wissenschafter, wenn sie über ihr gelerntes Fach hinaus- oder auch nur weiterdenken, nicht mehr und nicht weniger Kompetenz haben als Laien.

Andererseits haben die ungeheuren und unleugbaren Erfolge der Naturwissenschaft zu einer Wissenschaftsgläubigkeit geführt, die jeder Grundlage entbehrt, wenn sie generalisiert und auf Fragen außerhalb der Naturwissenschaft angewendet wird. Naturwissenschafter sind Experten ihres Faches, aber schon bei der Beurteilung der Folgen ihrer Forschungen sind die Grenzen ihrer Kompetenz überschritten. Die Grundlagen der Atomenergie kommen aus der Physik, die Frage des Einsatzes der Atomenergie ist allerdings eine ethische und allgemein menschliche, aber keine Frage der Atomphysik.

 Die Grenzen der Naturwissenschaft

Wie bei allen wichtigen Dingen ist auch für die Naturwissenschaft die Frage ihrer Grenzen die vielleicht bedeutsamste. Naturwissenschaft beschäftigt sich mit Materie in Raum und Zeit oder mit dem für alle Menschen gleichermaßen Gültigem (Herbert Pietschmann), für alles andere – und da bleibt noch sehr viel: Seelisches, Soziales, Geistiges, Einmaliges, Individuelles, Kreatives – ist sie schlicht und einfach nicht zuständig. Das hat auch Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus ganz klar formuliert: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Fragen wie: „Was ist Leben?“, „Was ist der Mensch?“, „Was ist der Sinn des Ganzen?“ kann die Naturwissenschaft nicht einmal stellen. Das sind aber Fragen, die uns viel näher stehen als etwa die Frage, wie viele Elementarteilchen es gibt.

Die Naturwissenschaft kann ihre eigenen „Oberbegriffe“ nicht definieren. Physik kann nicht sagen, was Materie ist, Biologie nicht, was Leben ist. Auch die Fragen: „Was ist Zeit?“, „Was ist Raum?“ kann naturwissenschaftlich weder gestellt noch beantwortet werden. Was aber auch zeigt, dass Naturwissenschaft „offen“ ist und immer neue Überraschungen möglich sind.

So ist die Physik auf ihrer Suche nach den kleinsten „Bausteinen“ der Materie in einen Bereich gekommen, der mit „Bausteinen“ oder „Teilchen“ nichts mehr zu tun hat. Und die heutige Quantenphysik wäre nicht möglich, wenn man nicht einen Bereich „jenseits“ von Raum und Zeit annehmen würde. Naturwissenschaft ist heute wieder dabei, sich neu zu definieren.

 Grenzbereiche der Medizin

Eine ähnliche Entwicklung gibt es in der Medizin, die sich naturwissenschaftlich nennt, sich aber mit Menschen und nicht nur mit Materie in Raum und Zeit auseinandersetzt. Eine nur naturwissenschaftliche Medizin wäre daher genauso sinnlos wie eine Medizin ohne Naturwissenschaft, wie das der Physiker Pietschmann formuliert hat.

Derzeit stößt auch die Medizin in Bereiche vor, in denen alles anders wird und neu diskutiert werden muss. Bio- und Gentechnologie, Stammzell- und Embryonenforschung, all das stellt uns unabhängig von der Machbarkeit vor neue Fragen, die aber wieder nicht naturwissenschaftlich zu beantworten sind, weil es sich zunächst um allgemeine menschliche und auch ethische Fragen handelt. Diese Fragen können nicht von Medizinern allein beantwortet werden. Hier geht es nicht um wissenschaftliche, sondern vor allem um menschliche Kompetenzen.

In Grenzbereichen sieht die Welt immer ganz anders aus, so auch am Beginn und am Ende des Lebens. Es muss uns auch klar werden, dass wissenschaftliche Interessen andere sind als die allgemein menschlichen. So hat sich jeder Arzt heute oft zwischen Machbarkeit und Menschlichkeit zu entscheiden. Sollen wir auf genetischer Ebene alle Missbilligkeiten ausschalten? Über lebenswertes Leben entscheiden? Wissenschaft kann nicht entscheiden über „Leben“, das sie nicht einmal definieren kann. Gar nicht zu reden vom Sinn dieses Lebens.

Haben demente Menschen eine Würde?, fragte der norwegische Experte für Palliativmedizin, Stein Huseboe, bei einem seiner faszinierenden Vorträge. Er berichtete von einer schwer dementen Frau im Pflegeheim, die von ihrem Mann täglich besucht wurde. Wie sich herausstellte, hatte der Mann ein Prostatakarzinom mit Metastasen und war am Sterben. Nun war es sein Wunsch, in der ihm verbleibenden Zeit bei seiner Frau zu wohnen. Nun geht es auch in Norwegen nicht, dass ein Krebspatient in ein Pflegeheim für demente Patienten aufgenommen wird. So wurde niemand gefragt, aber ein Bett in das Zimmer seiner Frau geschoben. Und was passierte? Diese schwer demente Frau begann, ihren krebskranken Mann zu pflegen und zu waschen, und er starb in ihren Armen. „Da fragen wir hin und wieder, ob demente Personen eine Würde haben?“

 Grundfragen des Lebens

Wir tun uns so schwer, Fragen zu stellen, die den Anfang und das Ende unseres Lebens betreffen, weil wir uns kaum Gedanken darüber machen und immer in der Zeit dazwischen leben, in der wir auch ohne diese Fragen auskommen. Aber in diesen Grenzbereichen brechen die Grundfragen des Lebens auf. Der Streit um die Abtreibung wäre längst entschieden, hätten wir eine Antwort auf die Frage, wann menschliches Leben beginnt. Wer aber soll diese Antwort geben, wenn die Wissenschaft der Biologie nicht einmal sagen kann, was Leben ist?

Ende des 19. Jahrhunderts dachten die Physiker, dass sie nur die kleinsten Bausteine der Welt finden müssten, um die ganze Welt einschließlich des menschlichen Gehirns damit zu erklären. Was ihre Kollegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden, hatte aber so gar nichts mit „Bausteinen“ oder mit dinglicher Realität zu tun. Die Wirklichkeit widersprach so völlig der Vorstellung von Materie. Der Physiker, Heisenberg-Nachfolger, Friedens- und Alternativnobelpreisträger Hans-Peter Dürr fasst diese atemberaubende Entwicklung in seinen Vorträgen in drei Sätzen zusammen: „Ich habe als Physiker 50 Jahre lang – mein ganzes Forscherleben – damit verbracht, zu fragen was eigentlich hinter der Materie steckt. Das Endergebnis ist ganz einfach: Es gibt keine Materie!“ Die „Welt“, sofern wir das Ganze damit meinen, ist immer mehr und manchmal so ganz anders, als wir uns vorstellen können.

An den Grenzen tritt oft nicht nur Überraschendes zutage, sondern es eröffnen sich auch ganz andere Fragen. Naturwissenschaft kann Sinnfragen nicht stellen, aber sie hat uns in ihrer Entwicklung bis an diese und andere Grenzen gebracht. Um auf Wittgenstein zurückzukommen: Naturwissenschaft kann unsere Lebensfragen nicht einmal berühren, aber an ihren Grenzen kann fast schmerzhaft bewusst werden, dass es diese Lebensfragen gibt, und dass sie uns mehr betreffen als alles andere.

Nun liegt es an der Gesellschaft, zu realisieren, dass diese Fragen existenziell wichtig sind, dass das Leben nicht nur eine naturwissenschaftliche, sondern auch eine psychische, seelische, soziale und geistige Dimension hat. Diese sollten wir weder verleugnen noch verdrängen, sondern die Kompetenz dafür entwickeln. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass wir derzeit in ein Jahrhundert der Sinnfragen eintreten.

 

Bildquelle: Albert Harsieber

Published on Newsgrape on 2011-02-19 09:54:49

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Kommentare: 3
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Robert Harsieber

 

Philosoph - Journalist - Verleger

 

„Die Art,

wie wir die Welt sehen,

erleben und in ihr agieren,

hängt ab von einem ‚Denkrahmen‘.

Er zeigt den für unswichtig gewordenen, gewohnten Ausschnitt der Wirklichkeit.

Er schließt ein

und er grenzt aus.

In diesen Denkrahmen

sind wir hineingewachsen.

Wir können aber auch

über ihn hinauswachsen.“